Verfasst von: Alessandro | 19. Februar 2012

Cursive – “I am Gemini” (Saddle Creek)

Cursive sind eine Band die sich, über die Jahre hinweg, ihre Eigenständigkeit bewahrt hat. Eine dieser Bands, die man sofort wiedererkennt. In dieser Beziehung versagten die beiden letzten Werke “Happy Hollow” und “Mama, I’m swollen” definitiv nicht. An die Dichte, an die Relevanz, an die Klasse ihrer beiden Meisterwerke “Domestica” und “The Ugly Organ” konnten Tim Kasher und Co aber nie wieder anschließen. Deswegen sank meine Erwartungshaltung für das neue Album “I am Gemini” schon weit im Vorfeld gen Null. Gut so.

Denn “I am Gemini” ist eine waschechte (positive) Überraschung! Endlich rufen Cursive wieder ihr Potenzial ab und machen dort weiter wo sie 2003 aufhörten. Wie eigentlich alles von Cursive, ist auch “I am Gemini” wieder ein Konzeptalbum geworden. Kasher erzählt die Geschichte der beiden Zwillinge Cassius und Pollock, die sich so gleich wie ungleich sind, nicht mit, nicht ohnen können und sich, auf der Suche nach der eigenen Identität, immer wieder in den Weg kommen. Die Story ist über den gesamten Albumverlauf unheimlich greifbar und präsent. In Sachen Detailversessenheit toppt Kasher sein bisheriges Schaffen. Die Beziehungsgeschichte in “Domestica” ist genauso gut ausgearbeitet wie das Leben als Musiker in “The Ugly Organ” – doch derart fokussiert erzählte noch kein Cursive-Album seine Geschichte. Beispielgebend sei erwähnt, dass man in mindestens der Hälfte der Songs das Wort “Gemini” hört.

Die Kunst war es diese eigenwillige Geschichte eins mit der Musik zu machen. Cursive versagten auch hier nicht! Musikalisch schließt man relativ stark an “The Ugly Organ” an. Gewisse Melodien, Harmonien oder gar ganze Parts erinnern frappierend an die des Vorbilds. Von einer Selbstkopie sind Cursive aber meilenweit entfernt. “I am Gemini” ist vollgestopft mit schrägen Einfällen und eigenwilligen Songs. Beeindruckend ist, dass “I am Gemini” sowohl das poppigste, als auch das komplexeste Cursive-Album geworden ist. Nein! Das schließt sich in diesem Fall nicht aus. Derart gut gelaunt, offensiv und klar produziert klang die Band nie zuvor. Gleichzeitig nehmen die Songs so viele Wendungen und sind so wahnsinnig facettenreich, dass man auch nach zehn Durchläufen den gesamten Zusammenhang nocht nicht ganz geschnallt hat.

Interessant finde ich die Art und Weise, wie Cursive das Album eröffnen. Sonst ist man es von ihnen gewohnt, dass sie offensiv und catchy beginnen. “This House alive” startet das Album aber bedächtigt und kommt kaum auf den Punkt. Es ist verbunden mit dem darauffolgenden “Warmer Warmer”, das schon mehr Hitpotenzial hat. Doch erst mit “The Sun and Moon” nimmt das Album so richtig Fahrt auf. Neben kompakten Hits wie “Double Dead” (das poppigste Cursive-Lied ever) oder “The Cat and Mouse” folgen der vertrakte 6-Minüter “Twin Dragon/Hello Skeleton” und das rohe, angriffslustige “Wowowow” , das unter zwei Minuten bleibt. Zwischendrin stehen kurze Interludes wie “Lullaby for No Name” oder “This House a Lie”, die sich atmosphärisch perfekt einfügen. Allgemein ist das Auf und Ab, die Dramaturgie dieser 43 Minuten grandios ausgearbeitet. Ein Song fließt in den nächsten, nimmt Bezug auf dem was war und steigert die Intensität… bis hin zum Finale von “Eulogy for No Name”, in dem Cursive eine dicke Gitarrenwand auffahren, in ein Crescendo starten und die Geschichte mit einer interessanten Wendung beschließen.

Bei all der Qualität und all den lobenden Worten, will ich relativieren. Womit wir wieder bei der anfänglichen Erwartungshaltung wären. Denn logischerweise punktet “I am Gemini” nach zwei, nicht ganz so starken, Alben umso mehr. Als “The Ugly Organ”-Nachfolger hätte es wohl nicht so geglänzt. Ich persönlich finde, dass es in Sachen Emotionalität auch nicht ganz an “The Ugly Organ” und “Domestica” rankommt. Außerdem hätte ich mir einen etwas roheren Sound gewünscht. Doch abgesehen davon glänzt “I am Gemini” in allen Belangen und reiht sich als drittes, richtig überragendes Werk in die Cursive-Annalen ein. Schon jetzt trau ich mir zu sagen: “I am Gemini” ist eins der besten Alben des Jahres!
9/10

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