Verfasst von: Alessandro | 24. Dezember 2011

&U&I – “Light Bearer” (Ondryland)

&U&I sind 3/4 der aufgelösten Blakfish. Schon letztes Jahr brachte die Band mit “Kill the Man that Shot that Man” eine hervorragende EP raus, die zeigte, dass die neue Band in einer ähnlichen Gangart weitermacht. Nur einen Tacken direkter, einen Tacken rockiger und vorallem: viel reifer! Humorlos sind &U&I zwar nicht, doch mit dem Debütalbum “Light Bearer” zeigen sie vollends welch’ reife Musiker sie mittlerweile sind.

Schon das atmosphärische Intro deutet darauf hin, wie ernst es &U&I diesmal meinen. Wasserrauschen und das Bimmeln einer Kirchenuhr eröffnen das Album – wer genau hinhört, der merkt, dass sowohl das Wasser- als auch das Zeit-Thema im Verlauf des Albums immer wieder aufgegriffen werden. Das Intro ebnet den Weg für den bekannten Opener “To the Water now is the Hour”, das einen mit verdammt viel Groove überrollt und durch sein 90er-Rock-Flair einfach nur frisch klingt. “Talk with Steam” nimmt den Anfangsschwung raus und präsentiert sich als schleppende Midtempo-Nummer, die zur Mitte hin eine ruhige Sektion hat, sich dann peau a peau steigert und abrupt endet. Mit “Stalk this City” folgt ein absolutes Highlight des Albums. Der verzwackte, dennoch poppige Anfang erinnert das erste Mal an alte Blakfish-Tage. Der Song folgt dem Stop’n'Go-Prinzip und verheddert sich immer wieder in verspielten Arrangements, die dann durch eine Melodie aufgebrochen werden. Zum Schluss hinaus zaubern &U&I einen überragenden Chorus aus dem Nichts hervor. Mit “Belly Full of Fire & a Heart Full of Blood” zeigt sich der Dreier von seiner fiesen Seite, mit einem direkt stompenden Brecher, der frappierend an die Landsmänner von The Ghost of a Thousand erinnert. Ohne Pause geht es weiter mit dem mathematischen Gefrickel von “La Mere Vipere”, dass zwar auch im Verlauf die reinste Raserei bleibt, aber für kurze Zeit immer wieder einen poppigen Refrain aufkeimen lässt. Quasi zum Abschluss der ersten Hälfte folgt mit “Super Five” das überrasschendste Stück. Ein Acapella-Song, der von Thom Peckartt’s Stimme getragen und von hintergründigen “mmm”-Chören untermalt wird. “You never learn, do you? You never do what you’re told” heißt es immer wieder – das Stück entfaltet in seinen repetitiven drei Minuten eine fast schon hypnotische Wirkung. Der Übergang zum vielleicht besten Song des Albums ist perfekt.

“Accordingly in Motion” startet mit fast schon klassischem Gitarrenspiel und dem eleganten Gesang von Thom – das hat fast was von Muse. Das Stück nimmt Fahrt auf, wird schneller, intensiver und haut dann einen berührenden, völlig mitreißenden Refrain raus. Ein Sample leitet über ins totale Chaos, in dem Thom seine Schreistimme auspackt, nur um unmittelbar darauf das nächste Feuerwerk abzufackeln. Plötzlich greift er die Aussage von “Super Five” auf, diesmal nicht melancholisch und nachdenklich, sondern aufbrausend, ja angepisst! Zum Beginn von “Baskerville the Atheist” geben sich &U&I erneut von ihrer ruhigen “Indie”-Seite, fügen dem Stück dann aber immer mehr Druck hinzu, starten in verspielte Sektionen und finden am Ende doch wieder den Weg zum anfänglichen Thema und einem eleganten Abschluss. “Of the Morning Star” zeigt, wie stark dieses Album ist. Denn obwohl es dem Ganzen wenig Neues hinzufügt und zu den schwächeren Tracks gehört, macht es in seiner technischen Überdrehtheit viel Spaß! Mit “The Screaming Skull” leiten &U&I langsam aber sicher das Ende ein. Zerstörerisch und angriffslustig wie nie meint Peckartt: “This is World War III! There is no one left fighting but you and me!”. Das Massaker endet in waberndem Feedback und führt uns über den Abgrund: “Above the Abyss” lässt die Gitarre eine ablaufende Uhr imitieren und dann… “Burn me alive, this will burn me alive” – der Refrain aus “To the Water Now is the Hour” wird, ähnlich wie zuvor, in einer völlig neuen Stimmung, mit ganz anderer Intonierung präsentiert. Durch ein kurzes Sample bekommt der Song einen Cut, lässt Ruhe walten und eröffnet dann das laute, epische Finale von “Light Bearer”. Sämtliche Instrumente werden bis zum Anschlag aufgedreht und verlieren dann von Sekunde zu Sekunde immer mehr Lautstärke, bis das Album nach 44 Minuten 13 Sekunden endet. Mit Wasserrauschen und dem Bimmeln einer Kirchenuhr…

Mal abgesehen davon, dass &U&I unverschämtes Talent besitzen. Mal abgesehen davon, dass sie mit ihrer Mischung aus Mathrock, Post-Hardcore, Indie und Pop völlig eigen klingen. Mal abgesehen davon, dass Thom ein begnadeter Sänger ist. Mal abgesehen davon, dass sie mit ihrem Songwriting von Anfang bis Ende überzeugen. Abgesehen von all dem, ist es die Stringenz dieser Dreiviertelstunde, die “Light Bearer” so gut macht. Die Stücke fließen nicht nur ineinander, sie nehmen Bezug auf das Gewesene oder bauen aufeinander auf. &U&I betonten schon im Vorfeld, dass sie ihr neues Werk als ganzes Album geschrieben haben – und das ist ihnen wirklich sehr gut gelungen. “Light Bearer” ist ein Gesamtwerk. Anders als noch bei der EP, wo ein, zwei Songs herausragten, tu ich mir hier schwer einen Lieblingssong zu finden. Selbst die weniger hitverdächtigen Stücke passen geschmeidig in den Verlauf des Albums und bieten zumindest einen erinnerungswürdigen Moment.

Wenn es einen Schwachpunkt an “Light Bearer” gibt, dann ist dieser im Schlussdrittel zu finden. Für meinen Geschmack sind die Stücke hier etwas zu verbreakt und in die Länge gezogen. Das Finale ist gut, aber nicht ganz so gut herausgearbeitet wie andere Passagen im Albumverlauf. Aber das ist Nitpicking! Im Endeffekt habe ich schon lange nicht mehr ein so starkes Album wie “Light Bearer” gehört. Das Trio hat sich in allen Belangen weiterentwickelt und ein höchst unterhaltsames, süchtig machendes Werk aufgenommen, bei dem ein großer Moment den nächsten jagt. Ohne Frage: ein potenzieller All-Time-Favorit!
10/10

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Antworten

  1. [...] hat sich also voll und ganz ausgezahlt. Viel mehr kann ich nach meinen überschäumenden Review vom 24.12. nicht mehr zu „Light Bearer“ sagen – zu viel Arschkriecherei tut auch [...]


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