…gegen Mittag läutete dann mein Handy. Wie immer meldete es sich mit “New Noise” von Refused. “Can i scream?!” und so. War wohl immer zu faul den Klingelton mal auszutauschen. Dass mein Handy allerdings mal läuten würde und am anderen Ende der Leitung ein Mitglied von Refused sitzt, das, ja das klang nach einem Tagtraum. Na gut, zwischen uns war die bezaubernde Arma, die mich aus dem Epitaph-Büro in Amsterdam mit ihm verband… aber da war er dann dran… ganz locker und freundlich: Kristofer Steen. Bassist und Gitarrist der legendären Refused.
Was komisch begann, nahm seinen Lauf: Kristofer war gerade dabei die Wäsche zu machen. Click here for the English Version.
borderline fuckup: Zuerst einmal, wie geht es dir? Und wie ist dein Leben dieser Tage, abseits vom Wäsche waschen?
Kristofer: Mir geht es gut. Das Leben ist schön, aber schwer zu beschreiben mit ein paar Worten.
Wir sind hier um über Refused und den Re-Release von “The Shape Of Punk To Come” zu sprechen. Vor ein paar Jahren meintet ihr, als Band, “wir werden nie etwas glorifizieren oder abfeieren was schon längst zurück liegt” – wie stehst du heute zu dieser Aussage und allgemein zum Re-Relase von “The Shape Of Punk To Come”?
Diese Aussage war nicht wirklich aus einem kollektiven Standpunkt heraus. Als sich Refused auflöste war die Atmosphäre innerhalb der Band wirklich schlecht. Dieses Statement kam eigentlich von Dennis. Ich habe es gelesen. Und es ärgerte mich. Ich dachte mir nur: “was zur Hölle…?”. Anhand dieser Aussage scheint der Re-Release wie ein Widerspruch zu wirken. Was passt, denn Refused war immer eine Band voller Widersprüche. Doch allgemein kann ich mit solchen “großen Aussagen” nichts anfangen…
In erster Linie kam die Idee des Re-Releases vom Label. Es lag dann nur noch an uns dem Ganzen zuzustimmen.
Und die Entscheidung anhand des Re-Releases Interviews zu geben, war sofort klar?
Nein, nicht sofort. Wir trafen uns und haben darüber diskutiert. Wie gesagt, die Initiative ging von Epitaph aus. Wir zeigten uns dann loyal zu unserem Label. Und zu unserer Platte!
Ehrlich gesagt: es ist schon etwas schräg über etwas zu reden, dass schon so lange zurückliegt.
Bist du immer noch in Kontakt mit den anderen Ex-Mitgliedern von Refused?
Ja, wir haben regelmäßigen Kontakt. Doch es sind zwölf Jahre seit all dem vergangen – das ist eine lange Zeit, in der sich viel veränderte. Natürlich ist es nich mehr wie früher, wo wir jeden Tag miteinander verbracht haben.
Und wie sieht es mit Dennis aus? Ihr hattet ja gerade in der Endphase von Refused einige Probleme...
Ich verstehe mich gut mit Dennis. Wir haben damals einfach einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Das führte zu all diesen Spannungen. Ich meine… wir konnten unsere Visagen damals einfach nicht mehr sehen.Wir hassten uns! Es ist immer schwer Beziehungen zu beenden. Egal ob das eine Freundin oder jemand in der Familie ist. Es schmerzt. Mit Dennis war das nicht anders. Mittlerweile ist aber schon längst wieder alles im Reinen. Wir haben Kontakt miteinander und können ganz normal reden.
Aber du hast dich mit den anderen nie ernsthaft über eine Reunion unterhalten?
Irgendwie schwirrte das Thema “Reunion Shows” immer rum. Doch wir haben nie ernsthaft darüber diskutiert. Schon der Gedanke daran ist seltsam. Seltsam und schräg. Unser Abgang machte uns, sozusagen, populär. Er war wie eine Sage. Wenn wir jetzt wieder auf die Bühne gehen würden, könnten wir nur ein Abziehbild von damals sein. Ich denke nicht, dass irgendjemand eine Freude daran hätte. Wir nicht und die Leute erst recht nicht. Nur meine Brieftasche würde sich darüber freuen!
Das heißt es würde sich einfach nicht “richtig” anfühlen?
Ja. Es wäre etwas völlig anderes. Eine neue Band. Es würde dem Kapitel “Refused” nichts Positives hinzufügen.
Abgesehen davon seid ihr schon verdammt alt…
Haha, nicht ganz. Wir sind noch nicht antik. Aber vielleicht wären wir auf der Bühne etwas weniger energetisch.
Kristofer, wann hast du dir das letzte Mal “The Shape Of Punk To Come” angehört?
Das war gar nicht so lange her. Aber nicht in voller Länge, sondern nur vier oder fünf Songs daraus. Weißt du, du liest immer wieder diese verrückten Reviews, in denen “Shape” in den Himmel gehoben wird und denkst dir nur: “die Platte muss ja richtig richig gut sein!”.
Wir kennen alle das Gefühl, wenn man aus irgendwas herauswächst. Was hältst du heute von der Platte?
Sie spricht mich immer noch an. Sie berührt mich! Zwölf Jahre später und mit etwas Distanz, ist es leichter die Platte zu genießen. Man besitzt einen objektiveren Standpunkt. Es fühlt sich beinahe so an als ob das Album von einer anderen Band kommen würde. Ich mag die meisten Songs, auch wenn es einigen Parts gibt, bei denen ich schmunzeln muss…
Was gefällt dir heute am Album nicht mehr?
Nein, nein. Generell mag ich die Platte. Einige Songs sind nur aus irgendwelchen Überresten entstanden. Ich will da nicht näher drauf eingehen, sonst zerstörte ich vielen ihre Erfahrung, haha.
Du meinst also, ihr habt quasi aus Scheiße Gold gemacht?
Ja, so in etwa…
Manchmal glaube ich wirklich eure Vision von progressiver Hardcore-Musik wurde falsch aufgefasst. Ich meine, schau dir all diese Bands an, die die letzten Jahre tausende Stile miteinander vermischten und am Ende wie Scheiße klangen. Glaubst du “The Shape Of Punk To Come” hatte einen Einfluss auf diese Entwicklung?
Es fällt mir schwer mich irgendwie schuldig für diese Entwicklung zu fühlen, haha. Ernsthaft: ich weiß nicht woher all diese Bands ihren Sound aufgreifen. Ich sehe gestylte Haare, Make-Up und all diesen Scheiß… aber naja, ich fühle mich nicht verantwortlich dafür. Auch wenn es abgedroschen klingt, aber diese Bands sollten wirklich ihr eigenes Ding machen. Kann sein, dass wir einen Einfluss auf diese Entwicklung hatten. Aber wir sind nicht stolz darauf und wollen damit gar nicht in Verbindung gebracht werden. “Shape” klingt auf den ersten Eindruck vielseitiger als es eigentlich ist. Es sollte nicht irgendwie “radikal” werden. Wir wollten einfach nur gute Songs machen. Und gute Songs enstehen meist aus einer Emotion heraus. Das ganze Album enstand aus einer Emotion heraus.
Also sollte “The Shape Of Punk To Come” niemals ein Statement gegenüber der stagnierenden Punk/HC-Szene sein?
Nein. Es war ein persönliches Ding. Zuvor hatten wir nie einen längeren Zeitraum um ein Album aufzunehmen. Vielleicht einen Monat. Plötzlich hatten wir drei Monate, was uns mehr Zeit zum Experimentieren gab. Es war lächerlich. Wir haben wirklich hart am Album gearbeitet. Anhand des Titels könnte man darauf kommen, dass es eine Art “Statement” war – doch für uns war es mehr eine unbewusste Reaktion denn eine durchkalkulierte Revolte. Es war also nicht geplant, sondern hat sich so ergeben – aus einem Gefühl heraus! “We wanted to break free”. Oh Gott, jetzt habe ich das Queen-Video vor Augen! Was ich sagen will ist, dass wir “Shape” in erster Linie für uns machten.
Dennis und Dave haben vor einiger Zeit eine Band namens AC4 gestartet. Sie sind ziemlich…
…oldschool.
Ja, haha. So ziemlich das Gegenteil von Refused. Was hälst du davon?
Ich finde die Band klasse. Natürlich haben sie mit Refused rein gar nix am Hut. Dennis und Dave lieben diese Art von Hardcore. Es ist natürlich eine sehr spezielle Spielart, für die kein großer Markt da ist.
Definitiv. Ich finde es irgendwie seltsam. Da machen zwei Mitglieder der weltbekannten Refused eine neue Band und keiner nimmt sie wahr…
Ja, sie sprechen ausschließlich die Old School-Fanaten an. Sie sind aber fest von diesem Stil überzeugt und sind voll und ganz mit dem Herzen dabei. Manchmal musst du sowas machen!
Fühlst du dich selbst noch verbunden mit Punkrock-Musik oder gar einer Punkrock-Szene?
Ich halte mich, so gut wie es geht, auf dem Laufenden. Natürlich nicht bis ins letzte Detail – aber ich habe einen guten Überblick und interessiere mich weiterhin für diese Musik. Die aktuelle HC-Szene in Schweden ist anders. Ziemlich Old School… ähm, also eher New School. So wie Snapcase damals.
Oh, Snapcase sind doch cool. Mehr Bands sollten so klingen.
Ich mochte Snapcase damals wirklich. Aber heutzutage Snapcase-Covers zu hören ist schon etwas seltsam.
Der Sound ihres ersten Albums war ja wirklich…
…schrecklich. Aber das ware eine andere Zeit. Da dachte man in ganz anderen Sphären und war nicht so verwöhnt.
Würdest du sagen Musik hat immer noch den selben Stellenwert in deinem Leben als sie vor, sagen wir, zehn Jahren hatte?
Es ist anders. Ich habe eine Weile lang selbst keine Musik mehr gemacht. Deswegen bekommt man schnell eine andere Beziehung zu der ganzen Sache. Ich bin weiterhin ein unersättlicher Hörer. Musik ist extrem wichtig in meinem Leben. Da hat sich also wenig geändert.
Planst du in der nächsten Zeit irgendwelche neuen Projekte? Oder vielleicht eine neue Platte mit deiner alten Band TEXT?
Es wird wohl etwas kommen. Nicht mit TEXT, sondern mit einer neuen Band. Aber es ist noch zu früh um darüber zu sprechen.
Ich sehe schon: ich bekomme nichts aus dir heraus?!
Wie gesagt: es ist wirklich noch zu früh. So wie es aussieht, wird wohl Dave (Anm. David Sandström, Drummer bei Refused) darin involviert sein.
Das ist ja schon eine Sensationsmeldung…
Wirklich?
Themenwechsel, Kristofer! ich bin völlig uninformiert über deine Aktivitäten als Filmemacher. Wie geht’s dir dabei?
Nach der Refused-DVD habe ich nichts mehr gemacht. Die Dokumetation war ein zerreißender, grausamer Prozess. Als das Ganze sein Ende nahm, war ich davon so ausgelaugt. Ich will jetzt weniger solche Dokumentation, dafür viel mehr Filme machen. Ich glaube es wird irgendwas in der Richtung komme. Ich wünsch es mir zumindest!
Was hat dich an der Arbeit zur DVD so migenommen?
Es war nervenzerreißend. Wenn du mit einem solchen Projekt startest, hast du erstmal keine Form. Du hast unendlich Material – die Optionen sind endlos! Genau DAS nahm mich so mit.
Aber du hast zweifelsfrei sehr gut Arbeit geleistet. Ich liebe vorallem den Stil der “Refused are fucking dead”-DVD. Was inspirierte dich dabei?
Puh, das ist so lange her. Ein großer Einfluss war “The Fog of War” von Errol Morris. Das gewann damals den Academy Award. Kennst du das?
Ehrlich gesagt kenne ich mich bei Filmen überhaupt nicht aus…
Du solltest dir das wirklich mal ansehen! Er hat einen großartigen Stil. Ich liebe auch den Film “Badlands” von Terrence Malick. Der beeinflusste meine Arbeit ebenfalls!
Noch einmal zurück zu “The Shape Of Punk To Come”. Dennis meinte, das Album hat für ihn keine herausstechende Rolle. Es sei nur eines der vielen Alben, die er in seinem Leben aufgenommen hat. Wie sieht’s mit dir aus?
Natürlich ist “Shape” das Sahnehäubchen meiner persönlichen musikalischen Laufbahn. Es ist die beste Platte, bei der ich jemals mitgearbeitet habe. Diese Aussage ist typisch für Dennis.
Vielleicht zeigt sie einfach nur, wie unterschiedlich ihr eigentlich seid.
Ja, manche Dinge ändern sich wohl nie…
Die Auflösung und auch die letzte Show von Refused war definitiv “punk as fuck” – bist du immer noch zufrieden damit, wie es endete?
All das gehört zum Kult dazu, der sich später um Refused entwickelte. Ich denke, es war perfekt! Wir sind mit Sicherheit zu lange zusammengeblieben. Gerade Dennis ist so ein Typ der einfach immer und immer weitermacht – selbst wenn es keinen verdammten Sinn mehr macht! Wir kamen dennoch zum Entschluss, dass es nicht mehr klappte.
Hast du dir nie gedacht: “wir konnten niemals ernten was wir gesät haben”?
Nein, solche Gefühle hatte ich nie. Es war das Beste was passieren konnte. Es war wie eine Befreiung! Die Auflösung kam definitiv zum richtigen Zeitpunkt. Es wäre schrecklich gewesen, wenn wir auseinandergebrochen wären, nachdem wir Pop-Status erlangt hätten. Es war schon seltsam… wir veröffentlichten die Platte, als wir eigentlich schon im Sterben lagen. Die Phase um “The Shape Of Punk To Come” herum war eigentlich ein großes Fiasko. Wir akzeptierten das. Auch wenn wir zu der Platte damals ein unheimliches Verhältnis hatten. In gewisser Weise symbolisierte sie dieses Fiasko, das sich damals um unsere Band zugetragen hat.
Glaubst du der Re-Release wird “The Shape Of Punk To Come” neue Hörer bescheren?
Es sieht so aus. Gute Alben bekommen neuen Hörer. Und der Re-Release wird seinen Teil dazu beitragen.
Denkst du nicht, dass die ausstehende Rolle, die „Shape“ damals hatte, heute nicht mehr vorhanden ist? Vielleicht denken sich ja viele “oh, eine weitere Platte, die die unmöglichsten Stile kombiniert…”
Das könnte natürlich sein. Bei den ganzen Emo- und Crapcore-Bands. Wer weiß das schon.
Was wirst du die nächsten Monate machen?
Ich werde Urlaub machen in Spanien. Genauer gesagt in Madrid. Zusammen mit meiner Freundin werde ich dort den Sommer genießen.
Aber im Moment bist du in Schweden?
Ja, in dem kleinen Ort wo Refused starteten.
Was machst du im Sommer?
Nichts Besonderes. Ich bleibe hier in Österreich.
Wo genau? Wien?
Kennst du Tirol? Das liegt südlich von Bayern.
Oh Gott! Dort muss es doch ziemlich abgefuckt sein… mit den ganzen Fritzels und so?
Fritzels?
….wie aus heiterem Himmel sollte hier die Leitung reißen. Genau so wie damals. Beim Abschiedskonzert von Refused. Als ihnen der Saft aus den Verstärkern gezogen wurde.
Diese Band versprüht immer noch etwas Magisches…
Vielen Dank an Thomas vom FUZE-Magazin, Eike von Starkult Promotions, sowie Arma und dem Rest der Epitaph Europe-Crew, die mir dieses Interview ermöglichten. Und natürlich vielen Dank an den gut gelaunten und überaus sympathischen Kristofer!
Sehr cooles Interview, ich bedanke mich herzlichst :)
Von: Bufko am 22. Juli 2010
um 23:27
Er meinte wohl Josef Fritzl. Ziemlich bescheuerter Kommentar.
Cooles Interview trotzdem :)
Von: victor am 23. Juli 2010
um 21:44
Hey Victor!
Schön, dass es dir gefällt.
Ja, mein Bruder meinte das selbe – dürfte wohl stimmen. Bin nur selbst nicht auf diesen Dampfer gekommen, schon gar nicht im Gespräch. Auf die Schnelle dacht ich dass er mit Fritzels typische Lederhosenträger meint…. aber naja. Ist wurscht. Wollts trotzdem so abdrucken wie er es gesagt hat – unprofessionell, aber wahr.
Von: Alessandro am 23. Juli 2010
um 23:45
[...] finde ich die Reunion von Refused. Zumindest im Vergleich zu der At the Drive-In-Meldung. Laut Kristofer Steen kamen die einzelnen Bandmitglieder zuletzt wieder recht gut miteinander klar. Dennis Lyxzen und [...]
Von: Reunion-Wahn: At the Drive-In und Refused wieder vereint! « this borderline fuckup is still about to drool… am 11. Januar 2012
um 22:12